CHET GOES 88

FOTOAUSSTELLUNG „ARCHIVIO CAMERAPHOTO“ MÄRZ 2017:

EXHIBITION „CHET GOES 88“

Hommage

Ein Hauch von Melancholie und gleichzeitig rauher Lebenslust umweht den legendären Jazzmusiker Chet Baker. 88 Jahre alt wäre Chet Baker 2017 geworden. Und eine weitere Konnotation verbindet ihn mit der Metapher für Unendlichkeit: 1988 starb Chet Baker in Amsterdam. Es war Freitagnacht, 13. Mai 1988, als ein Mann eine Bar in Amsterdam verliess und auf dem Bürgersteig vor dem Hotel Prins Hendrik einen leblosen Körper liegen sah. Im Lichte des Vollmonds, auf der Seite liegend, blutüberströmt, eine zerbrochene Brille lag neben der Leiche. Die Umstände des Todes wurden nie restlos aufgeklärt. Eine Bronzetafel an der Hotelwand befestigt erinnert: Hier starb der Jazztrompeter und Sänger Chet Baker.

30 Jahre vor diesem tragischen Ende, verbrachte Chet Baker glückliche und dramatische Momente seines Lebens in der pittoresken toskanischen Stadt Lucca. Einquartiert in Raum 15 des Hotels Universo spielte er Trompete auf der Fensterbank des Hotelzimmers, tollte ausgelassen im Park mit seiner Freundin, besuchte den Schallplattenladen um die Ecke, besprach sich mit seinem Agenten. Unterbrochen wurde die Idylle durch die Verhaftung und anschließende Gefängnishaft wegen Drogenbesitzes.

 Die Fotos, die GERSHON VIENNA GALLERY nun zeigt, sind seltene Zeitdokumente dieses phänomenalen Jazzmusikers. Lange bevor ich die Fotos von Chet Baker in Lucca kannte, habe ich regelmässig das Hotel Universo besucht und, wann immer möglich, das Zimmer 15 gebucht. Eine seltene Faszination sich vorzustellen, wie Chet seine Tage hier verbracht hat, wie er mit seiner Trompete die Spaziergänger der Piazza Napoleone zum Innehalten verleitete. Songs notierte, las und sich ganz einfach von der plüschigen Dekadenz des ' Universo' einlullen liess. 

Prof. Georges Luks, März 2017

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Biographie Chet Baker (1929-88)

Chet Baker, mit bürgerlichem Namen Chesney Henry Baker Jr. (* 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma; † 13. Mai 1988 in Amsterdam) war ein US-amerikanischer Jazzmusiker (Trompete, Flügelhorn), Sänger und Komponist. 1950 in Los Angeles wurde er Trompeter in der Band von Charlie Parker. Parker soll zu Miles Davis über Baker gesagt haben: "There's a young cat on the West Coast who's gonna eat you up".

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Berühmt wurde Baker als Trompeter im klavierlosen Quartett von Gerry Mulligan, das in Los Angeles im The Haig spielte. Die 1952 auf Fantasy Records veröffentlichte Single My Funny Valentine wurde zu einem Hit und sie war für Baker fortan eine Art Signatur, die er in unzähligen Variationen bis zu seinem Lebensende immer wieder spielte. Baker wird, auch aufgrund seiner Assoziation mit Mulligan, der neben Lennie Tristano als federführende Figur des Cool Jazz gilt, oft als Vertreter dieser Stilrichtung bezeichnet. Seine Aufnahmen beweisen jedoch seine große Wandlungsfähigkeit auf vielen Stilgebieten des Jazz. 1953 gründete Baker mit dem Pianisten Russ Freeman ein eigenes Quartett. Der Fotograf William Claxton inszenierte ihn -dank seines Aussehens und seiner Ähnlichkeit mit James Dean  - zum Superstar. Er ließ in Umfragen Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Miles Davis und Clifford Brown hinter sich. Ungefähr zu jener Zeit begann jedoch seine Abhängigkeit von Heroin, die bis zu seinem Tod andauern sollte.

Im Jahr 1955 heuerte Baker den begabten, gleichfalls heroinsüchtigen Pianisten Dick Twardzik an und begab sich auf Tournee nach Europa. Für Eddie Barclay spielte Baker in Paris eine Reihe von herausragenden Aufnahmen ein. Die Erfolge wurden im Oktober 1955 jedoch von Twardziks Tod infolge einer Überdosis Heroin überschattet. 1956 kehrte Baker in die USA zurück.

Nachdem er 1959 wegen Drogenbesitzes festgenommen worden war, ging Baker nach Italien, doch auch dort wurde er wegen Fälschens von Arzneirezepten verhaftet und verbrachte fast zwei Jahre im Gefängnis. Unmittelbar nach seiner Entlassung entstand im Jahr 1962 (er war noch auf Entzug) für RCA Italia eine seiner bis dahin besten Platten, Chet Is Back! Noch bevor die Platte in die Läden kam, verfiel Baker der Sucht erneut. Baker wechselte nun von der Trompete zum Flügelhorn, angeblich, weil ihm seine Trompete in Paris gestohlen wurde; zunehmende Probleme mit Zähnen und Kiefer dürften aber eher ausschlaggebend gewesen sein. 1964 wurde er in Deutschland zum zweiten Mal wegen eines Drogenvergehens verhaftet, um dann "endgültig" in die USA ausgewiesen zu werden.

Im Sommer 1966 wurde er in San Francisco Opfer einer Schlägerei, bei der seine Zähne noch mehr beschädigt wurden. Die Zahn- und Kieferprobleme nahmen jedoch zu, sodass Baker sich alle Zähne ziehen und eine Prothese anfertigen ließ – für einen Trompeter eine Katastrophe. Er zog sich in das Haus seiner Familie zurück und begann eine Methadonkur, um vom Heroin loszukommen. Der Legende nach arbeitete er drei Jahre lang (belegt sind vier Wochen) an einer Tankstelle und lernte langsam wieder Trompete spielen. Nach einigen denkwürdigen Aufnahmen Ende der 60er Jahre schaffte er schließlich mit Hilfe von Dizzy Gillespie das Comeback. Zwischen 1974 und 1977 entstanden eine Reihe von engagierten und mehr oder weniger zeitgemäßen Aufnahmen.

1978 zog es Baker wieder nach Europa. Ende des Jahres setzte er das Methadon ab und war wieder auf Heroin. Es folgte ein unstetes Leben mit häufig wechselnden Wohnorten und Musikpartnern sowie vielen Plattenaufnahmen bei verschiedenen Labels. In Amerika schon fast vergessen, erlebte Baker in Europa einen Popularitätsschub und verdiente besser als jemals zuvor in seiner Karriere. Zudem entwickelte sein Trompetenspiel größeren Nuancenreichtum und noch tiefere Intimität und Emotionalität. Als Glanzpunkt gilt die Japantournee 1987 mit Harold Danko, Hein van de Geyn und John Engels, bei der – wieder unter Methadon, da Baker Angst vor den strengen japanischen Drogengesetzen hatte – das Live-Album Chet Baker in Tokyo entstand, das von Kritikern oft als seine beste Platte überhaupt bezeichnet wird. Zwei Wochen vor seinem Tod nahm Baker das Last Great Concert mit der NDR Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover auf.

1988: Baker hatte begonnen, Heroin, Kokain und Amphetamine zu mischen; unter Junkies wird diese Vorgehensweise „Speedball“ genannt. Am 13. Mai 1988, einem Freitag, fiel Chet Baker angeblich aus dem Fenster seines Zimmers im Prins Hendrik Hotel in Amsterdam. Er war sofort tot. Doch auch um seinen Tod ranken sich Legenden, wie jene, ein Drogendealer habe ihn aus dem Fenster gestoßen. Dafür gibt es allerdings keinen Beweis. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass er im Drogenrausch das Gleichgewicht verloren hat und gestürzt ist. Seinem letzten Pianisten Michel Graillier zufolge soll Baker des Hotels verwiesen worden sein. Weil er angeblich sein Instrument vergessen hatte, sei er die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. Chet Baker wurde auf dem Inglewood Park Cemetery (Parzelle Elm, Abteilung C, Nummer 152) in Los Angeles beigesetzt.

 

Chet Baker in Lucca, Italien (1956-62)

‘‘Chet Baker has the face of an angel and the heart of a demon! 
Trouble comes to anyone who touches him!” 

Fabio Romiti, Staatsanwalt in Lucca

Baker arrived for the first time in Florence in 1956 and afterwards came often back to Tuscany. From Lucca began a musical and human adventure that saw the American trumpet man and the Lucca quartet together for a concert tour in 1958 that spanned all of Italy. Chet Baker remained very tied to Lucca and to the Versilia coast.

When he was in Lucca, Chet always stayed at the Hotel Universo, room 15 where, sitting on the windowsill, he would often play his trumpet. Room 15, still today highly requested by his fans, looks onto the piazza of the Teatro del Giglio where Chet held several concerts. But maybe, for him, the most exciting concert held there was the one organized in his honor on December 15, 1961 by his jazz friends Giovanni Tommaso, Franco Mondini, Antonello Vannucchi and Amedeo Tommasi, on the day he was left the San Giorgio prison in Lucca, following one year of detention. The year before, on the night of July 31, 1960, Chet, who had a history of drug use, collapsed as a consequence of a heroin overdose in a gas station washroom just outside the city. About twenty days later, he was arrested and indicted. The trial, held in Lucca, makes headlines and is followed by Italian and foreign newspapers. A lawyer from Lucca, Mario Frezza, represents him, and succeeds in reducing his jail time from the seven years requested by the Public Prosecutor from Florence, to less than two.

In the end, Chet is sentenced to "just" sixteen months to be spent in the city's prison facilities. From the prison, he wrote a very famous letter to Hugh Hefner, the editor of the “PLAYBOY” about the injustice of his trial in Italy and the following tabloid stories around it. During those months, Chet is an avid composer, and it is told that on the walls of the city that run adjacent to the prison, groups of fans would gather to listen to the notes of his trumpet coming from within the prison.

Chet Baker celebrated with his girlfriend, British showgirl Carol Jackson, Christmas 1961 in Lucca, after having been released a few days ago (Dec 15) from jail after serving a sentence for drug charges. Miss Jackson was at his side during the trial.

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